Museumsschiffe

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    Werner
    Teilnehmer

    Hallo Forum,

    der NDR meldet, daß es neue Bestimmungen für Museumsschiffe geben soll.
    Demnach stehen teure Umbauten für Traditionsschiffe an und zudem reicht wohl der Ausbildungsstand der ehrenamtlichen Besatzungen nicht aus.

    http://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Hamburg-bangt-um-Traditionsschiffe,traditionsschiffe182.html

    Abgesehen vom Kostenaufwand stellt sich die Frage, wie es mit unter Denkmalschutz gestellten Schiffen vereinbar ist, Umbauten vorzunehmen ohne den Denkmalschutz zu gefährden.
    Sowohl die „Cap San Diego“ als auch die „Bleichen“ sind erst frisch aus der Werft. In die Restaurierungen sind sogar Bundesmittel geflossen. Und nun soll die Gefahr bestehen, daß sie nicht mehr fahren dürfen?
    Aber es sind ja nicht nur „die Großen“. Was ist mit „Claus D“, „Tiger“ oder Fairplay VII“ und den Segelschiffen aus Oevelgönne? Die schönen alten Hafenbarkassen sind schon arg dezimiert worden – soll es nun auch noch die Museumsschiffe treffen.

    Und macht man dann zwischen der frisch restaurierten „Bergedorf“ (als Museumsschiff) und der unter HADAG-Flagge fahrenden „Kirchdorf“ einen unterschied?

    Es grüßt
    der Werner

    #80205

    untereste
    Teilnehmer

    Hallo Werner,

    viel möchte ich da eigentlich nicht zu schreiben, weils ein doch relativ kompliziertes Thema ist, aber ich kann die Sorge doch zumindest etwas mindern.

    Schiffe wie die CAP SAN DIEGO, BLEICHEN oder auch die STETTIN sind zwar Museumsschiffe, aber keine “Traditionsschiffe”, sie erfüllen alle nötigen Sicherheitsanforderungen und werden (in allen wichtigen/vorgeschriebenen Bereichen von Personal gefahren, das nach Stadards der Seeschifffahrt qualifiziert ist und gültige Patente besitzt, die so gestellte, vorgeschriebene Mindestbesatzung wird lediglich durch “Quereinsteiger” aufgestockt, weils z.B. einfach einfacher ist ein solches Schiff mit 10 statt 6 Leuten fest zu machen. Auf der CAP SAN DIEGO fahren z.B. häufig Auszubildende z.B. von Hamburg Süd mit, da diese ab dem 2. Lehrjahr als Rudergänger (Wachbefähigung) und auf den Stationen ausreichend qualifiziert sind und gültige Scheine vorweisen können. Formel stehen sie ggf. so gewissermaßen über dem erfahrenen Bootsmann, dessen Patent möglicherweise nicht mehr gültig ist.
    Auch die BERGEDORF ist kein Traditionsschiff sondern ein ganz gewöhnliches Binnenschiff, vorgeschrieben sind für sie ein Schiffsführer, ein Maschinist, jeweils mit gültigen Papieren entsprechend den Anforderungen der Binnenschifffahrt. Gefahren wird normalerweise mit einem Schiffer, zwei bis drei Maschinisten und zwei Decksleuten, wenn da einer keine gültigen Papiere mehr hat ist das also auszugleichen.
    Bei den anderen Hamburger Museumsschiffen, die tatsächlich “Traditionsschiffe” sind ist die Frage nach qualifiziertem Personal ebenfalls kein Problem (wenn sich denn auch in Zukunft solches findet, aber das ist ein uraltes Problem bei allen Ehrenämtern…) und auch ggf. nötige bauliche Anpassungen sind seit langer Zeit geplant bzw. werden (oder wurden schon) umgesetzt. Dazu gibt es auch eine Stellungnahme vom Museumshafen:
    http://www.museumshafen-oevelgoenne.de/index.php/news-reader/items/geplante-neue-sicherheitsverordnung-fuer-traditionsschiffe-sichert-fortbestand-der-flotte-aus-dem-museumshafen-oevelgoenne.html
    Also keine Panik!

    Wen die verschärften Regelungen hingegen härter treffen werden sind die “Traditionsschiffe”, die tatsächlich längere Seereisen unternehmen, z.B. mit Schulklassen o.ä., diese Schiffe werden nämlich zum Teil von “Quereinsteigern” mit Sportküstenschifferschein (o.ä.) gefahren, der zwar schon etwas umfangreicher ist als ein Sportbootführerschein, aber natürlich längst nicht an die Qualifikation der “richtigen” Seefahrt ran kommt. Gleiches gilt für die Besatzung, grad im Berich Rettung und Brandabwehr. Wir richtigen Seeleute (wenn ich das mal so sagen darf) müssen z.B. alle in diesen Bereichen wichtigen Scheine alle 5 Jahre auffrischen lassen, also wieder (teuere) Lehrgänge besuchen.
    Und wenn jemand meint mit einem Segelschiff eine richtige Seereise mit Gästen (als “Ausbildungsfahrt” für jedermanm oder wie auch immer) unternehmen zu wollen, dann finde ich es absolut angemessen, dass die Stammbesatzung die Standards der richtigen Seefahrt erfüllt auch wenn das bedeutet, dass man sie zu eben solchen teuren Lehrgängen schicken muss, dass das ein gewaltiger finanzieller Aufwand ist, ist mir bewusst, aber das sollte es wert sein. Bisher sind die Anforderungen in diesem Bereich lächerlich.
    Und auch zu baulichen Anforderungen kann ich ähnliches sagen. Es ist ein Unterschied, ob ein Schiff (beispielsweise) vor hundert Jahren Fischer und …Fisch über See gebracht hat oder heute 30 Schüler. Wenn son Kutter damals abgesoffen ist war ausschließlich qualifiziertes Personal an Bord, das wusste wie sie ihr Leben retten und den Fisch hat es wohl weniger gestört. Dass der Anspruch an die Sicherheit der 30 Schüler etwas höher sein darf als der der Fische finde ich absolut verständlich. Klingt nach einem albernen Beispiel, aber es gibt genug Schiffe die sich vor allem Punkto Kompfort von der Zeit als Berufschiff unterscheiden. Dass natürlich heute schon ausreichend Rettungsmittel usw. an Bord sind ist klar, wenn man aus einem Berufsschiff ein Passagierschiff macht (den das sind diese Schiffe ja im Prinzip) dürfen die Anforderungen aus meiner Sicht aber schon etwas weiter gehen. Es gibt einige Schiffe, wie auch in der Stellungnahme des Museumshafens zu lesen, bei denen die Vereinbarung der neuen Vorschriften mit der historischen Optik bzw. dem Denkmalschutz etwas schwierig sind, aber dieses Problem ist lösbar.
    Es geht also vor allem ums Geld! Die neuen Auflagen zu finanzieren ist also das eigentliche Problem und dem müssen sich die Vereine eben stellen. Hier gilt aus meiner Sicht, wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!

    Ist dann doch etwas länger geworden, aber ich hoffe, es hilft etwas. Als Fazit kann man sagen, dass keine Suppe so heiß gegessen wird wie man sie kocht und hier wird sich sicher eine Lösung finden, vielleicht nicht für alle, aber doch für die meisten und in jedem Fall für unsere Hamburger.

    Gruß
    Jan

    #80206

    Werner
    Teilnehmer

    Hallo Jan,

    für Deine doch recht umfassende Antwort gilt es ein aufrichtiges Dankeschön auszusprechen. Der Beitrag ist nicht nur beruhigend – er ist auch mit einigen Fakten zum Betrieb von traditionellen und / oder musealen Schiffen versehen, die sicherlich nicht allgemein bekannt sind.

    Wenn man dem Link zum Museumshafen Oevelgönne folgt, und dann auch dort noch wieder auf die darin verlinkten Seiten schaut, erkennt man, daß dieses Thema schon länger behandelt wird und nicht ganz so aktuell ist, wie es der NDR erscheinen lässt. (Das lag dann wohl an der tourismuspolitischen Sprecherin der SPD-Fraktion.) Auch ist auf der Seite vom Museumshafen recht genau definiert, wie sich historische Schiffe von traditionellen Schiffen unterscheiden. Für interessierte sehr lesenswert.

    Es grüßt
    der Werner

    #80207

    untereste
    Teilnehmer

    Hallo Werner,

    bitte, ich mindere da gern mal die Sorgen. 😉

    Und ja, das Thema und der Entwurf sind nicht neu, werden jetzt aber langsam richtig interessant, weil bald Stichtag ist.

    Wie beschrieben gibt es aus meiner Sicht zwei Seiten und ich finde es nicht gut, dass sich die “Traditionsschiffer” grundsätzlich gegen z.B. eine “Ausbildung” eines kleinen Teiles der Besatzung wehren (im NDR wurde hier als Beispiel der ALEXANDRA aus Felnsburg genannt), denn nach meiner Erfahrung gibt es immer einen gewissen Teil Stammbesatzung, ich behaupte also einfach, dass man wenn man z.B. 8 Leute zu einem solchen Lehrgang schicken würde, gute Chancen hätte auf jeder Fahrt auf die nötigen 2 in Brandabwehr ausgebildeten Leute kommen würde. Ist zwar nur ein aus der Luft gegriffenes Beispiel, aber in etwa so könnte es sich darstellen. Und wenn diese Leute zuverlässige Mitglieder sind, die auch in ein paar Jahren noch zur Verfügung stehen, ist der finanzielle Aufwand sicher auch zu vertreten.
    Der beste Fall wäre eine vergünstigte bzw. geförderte Ausbildung. Da gibt es dann natürlich noch das Argument mit der fehlenden Zeit, aber aus meiner Sicht kann jemand der übers Jahr viel Zeit in so ein Hobby steckt auch alle 5 Jahre eine Woche für eine solche Ausbildung (vielleicht ja auch in gekürzter Form) opfern.
    Wie gesagt, alles etwas kompliziert. Ich hoffe, dass hier noch eine angemessene, angepasste Lösung gefunden wird.
    Gleiches gilt für die baulichen Anforderungen, hier und da eine Mark zur Förderung springen lassen wäre z.B. nicht verkehrt.

    Und ein weiteres Problem ist die neue, schärfere Definition von “Traditionsschiffen”, die in Zukunft quasi lediglich seit dem Bau unveränderte Schiffe umfasst, womit ein Teil einfach rausfliegen würde, umgebaute Kutter usw., was auch wieder ein zu pauschales Urteil ist, wie ich finde. Die alte ALEXANDER VON HUMBOLT ist da ein gutes Beispiel, wäre sie nicht schon außer Dienst, ihre Tage wären gezählt, dann ursprünglich war sie ja ein Feuerschiff und kein Segler und steht somit auf der selben Stufe wie jeder Kutter, dem man mal nen Mast verpasst hat. Hier wäre also eine Prüfung jedes einzelnen Schiffs sinnvoll …die segelnde Fischbratküchen ausmisten, aber authentisch hergerichtete Schiffe, auch wenn sie vor 100 Jahren anders aussahen, erhalten würde. Nachbauten wie die Hanse-Koggen betrifft dies Problem übrigens auch.

    Es bleibt (vor allem außerhalb Hamburgs) auf jeden Fall spannend und ich hoffe, dass eine angemessene Lösung gefunden wird, vorzugsweise von Leuten die auch Ahnung von dem Thema haben und es nicht nur am Schreibtisch sehen, wie es in solchen Fällen ja meistens ist…

    Gruß
    Jan

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